„Sorbisches Volk“ und „Sorbische Kultur“ in Arnošt Mukas „Statistika łužiskich Serbow“


Die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts kann in vielen Teilen Europas, vor allem im damals noch stark miteinander vermischten deutsch- und slawischsprachigem Raum, als die Epoche angesehen werden, in der die Idee von der nach Sprache und „Kultur“ abgegrenzten Nation die Phase der romantischen Schwärmerei endgültig hinter sich ließ und die politischen Eliten wie Massen bewegte. In dieser Zeit entstanden in vielen verschiedenen europäischen Sprachen Texte in einem weiten Feld zwischen Belletristik und Wissenschaft, welche die ideelle Konstruktion eines jeweils eigenen „nationalen Raums“ betrieben und bei seiner politischen Erringung bewusst als intellektuelle Geburtshelfer dienen wollten. Arnošt Mukas “Statistik” von 1886 muss unbedingt in diesen Texthorizont eingeordnet werden, wenn sie auch aufgrund ihres sorbischen Hintergrunds Spezifika beinhaltet, die es nicht erlauben, sie als typisches intellektuelles „Nation-Building“-Projekt ihrer Zeit zu bezeichnen. Denn die Erlangung einer eigenen, von Deutschland getrennten sorbischen Staatlichkeit war weder für Muka noch für seine jungsorbischen Zeitgenossen jemals eine ernsthaft verfolgte Option – vielmehr war die Abwehr entsprechender „von deutscher Seite“ geäußerter Verdächtigungen stets fester Bestandteil ihrer öffentlichen sorbisch-patriotischen Arbeit. Auch in der “Statistik” finden sich Spuren dieser damals unter dem Stichwort „Panslawismus“ geführten deutsch-sorbischen Debatte. Wir stehen damit einem Text gegenüber, der sich aus der Perspektive einer Minderheit der Symboliken und Sprache des damals dominanten kulturpolitischen Diskurses bedient, um einerseits eine einigende Perspektive nach innen zu erzeugen und andererseits gegenüber der Mehrheit eine faire Behandlung einzufordern und einen eigenen Raum geltend zu machen.

Dabei fällt der Begriff „Minderheit“ in Bezug auf die Sorben allerdings auf den gesamten 502 Buchseiten der “Statistik” nicht ein einziges Mal. Dies geschieht nicht von ungefähr. Zunächst belegt Muka mit seinen Zahlen, dass in vielen Kirchgemeinden vor allem in den ländlichen und noch nicht durchgreifend von der Industrialisierung berührten Gegenden der Lausitz zur Zeit seiner Untersuchung in den 1880er Jahren die sorbischsprachige Bevölkerung schlicht nicht in der Minderheit war. Aber auch als Konzept für die u. a. mithilfe seiner Studie zu entwickelnde moderne sorbische Selbstsicht könnte keine Begrifflichkeit Muka fernerliegen. In der “Statistik” wird erstmals in dieser Ausführlichkeit der Darstellung in sorbischer Sprache für eine vordringlich sorbische Leserschaft der eigene sorbische Raum definiert. Dieses Gebiet hat gemäß Mukas Befunden Zentren und Peripherien, es ist innerhalb seines sorbischen Grundcharakters kulturell, konfessionell und ökonomisch stark heterogen. Der Grad seiner Deutschsprachlichkeit unterscheidet sich ebenso wie der seiner Industrialisierung oder seines agrarkulturellen Ausbaus. Schließlich kennzeichnet Muka sehr klar die Gegenden, in denen durch deutschen politischen Druck von außen und sorbische Anpassung an diesen von innen die Weitergabe der sorbischen Sprache(n) an die nächste Generation gefährdet oder schlimmstenfalls bereits unterbrochen ist. Doch es bleibt die Grundbotschaft, die Muka konsequent am Ende der “Statistik” mit seinem ausführlichen Ortsverzeichnis und der detaillierten Karte weiter untermauert: Dies ist unser, das sorbische, Land. So stößt man im Text folgerichtig immer wieder auf „die sorbische Grenze“ und „sorbische Grenzgemeinden“, Leute verlassen „das sorbische Land“ und gehen „nach Deutschland“ oder „ins Deutsche“ und andersherum.

Die Nation des 19. Jahrhunderts basiert als kultureller und politischer Weltentwurf auf einem strikten Dualismus zwischen dem „Eigenen“ und dem „Anderen“. Auch die von Muka in der “Statistik” entworfene sorbische Lausitz ist völlig dieser Perspektive verpflichtet. Die Hauptantipode ist dabei ganz klar „das Deutsche“. Wo dieses um sich greift, verschwindet „das Sorbische“. Die „Verdeutschung“ ist eines der am häufigsten im Text vorkommenden, klar negativ konnotierten Schlagwörter. Auch jedes mit „Vermischung“ beschriebene Phänomen gerinnt bei Muka zum latenten Problemfall. Dies ist in seiner Perspektive konsequent, denn es folgt Mukas Definition von sorbischer Nationalität: Sorbe ist für Muka, wer sorbisch spricht und in einem zweiten Schritt die Sprache auch an seine Kinder weitergibt. Seine Berechnungen basieren nicht auf einem Bekenntnis, also der Frage: „Sind Sie Sorbe?“, sondern auf der Sprachpraxis, als der Frage: „Sprechen Sie (im Alltag) sorbisch?“. Seine Zuarbeiter, in der Regel die Gemeindepfarrer, übermittelten ihm aus ihren Kirchspielen daher die Zahl der sorbischsprachigen Messebesucher und Beichtgänger als zentrale statistische Erhebungsgrundlage seiner Studie. Muka führt zwar zusätzlich auch die Kategorie des „gebürtigen Sorben“ ein, der als sorbisch sprechendes Mitglied der alteingesessenen Familien (deren Familiennamen er deswegen in Teil 2 und 3 auch für jede Gemeinde ausführlich angibt) zur Kerngruppe der „wirklichen Sorben“ des Dorfes gehört. Doch verliert man diesen Anspruch bei Muka in dem Moment, wo man als Kind solcher „wirklichen Sorben“ von diesen nicht mehr in der Muttersprache aufgezogen wird, egal was der Stammbaum der Eltern innerhalb der Dorfdynastien aussagt. Gerade die durch Muka in der “Statistik” für die sorbische Kulturgeschichte nachhaltig geprägte Negativfigur des „němcowar“, des „Deutschlers“, ist in diesem Zusammenhang wichtig, also des Sorben, der, häufig in der Rolle des Dorflehrers oder -schulzen, seine sorbische Muttersprache verleugnend offensiv die “Verdeutschung” seiner Gemeinde betreibt. Im Umkehrschluss kann dann auch das Kind einer „deutschen“ oder „gemischten“ Familie zu den Sorben gezählt werden, wenn es durch seine Spielkameraden und die restliche Erwachsenenwelt des Dorfes zum Sorbischsprecher geworden ist. Muka verfolgt damit ein nicht vordergründig an „Blutlinien“ gekoppeltes Identitätsmodel, welches unter der Bedingung des Spracherwerbs zumindest in der zweiten Generation die Aufnahme in die sorbische Gemeinschaft ermöglicht. „Fremde“ müssen hier also nicht per se ein Problem darstellen oder in diesem Status unveränderbar feststecken, und im Buch stößt man u.a. immer wieder auf deutsche Pfarrer, die Muka dezidiert für ihre Bereitschaft, zum Wohl ihrer Gemeinde Sorbisch zu lernen und zu predigen, lobt und als gute Beispiele herausstellt. Allerdings müssen die Fremden ihrer Zahl nach durch die sorbische Sprechergemeinde integrierbar sein, was in Mukas Perspektive ihre sprachliche Sorabisierung bedeutet. Insgesamt muss daher „im sorbischen Land“ die Zahl der „rein sorbischen“ Gemeinden und Familien möglichst stark überwiegen. Assoziationen von Bollwerken stellen sich ein, Geschlossenheit gilt als Idealziel, wozu auch passt, dass Muka in bereits stark zweisprachigen Gemeinden wie Schmölln die letzten sorbischen Familien einzeln benennt und an einzelnen Stellen auch die „němcowar“ im Dorf markiert. Auch das in Teil 3 auftauchende Element der „ausgeschlachteten“ und „in deutsche Hand übergegangenen“ Wirtschaften bzw. Güter gehört in diesen Motivkreis, der völlig im Einklang mit seinem sich nationalisierenden Zeitalter ein Ringen zweier als Antipoden begriffenen Sprachgemeinschaften aus der sorbisch-nationalen Perspektive in offener Parteilichkeit und emotionaler Betroffenheit schildert. Einzelne Individuen und ihre Motive lösen sich dabei, wie im nationalen Diskurs typisch, in den als kollektiv angenommenen bzw. behaupteten Interessen ihrer Sprachgruppe auf, die in dieser Vorstellung eine emotionale und politische Gemeinschaft formt. Auch das Vokabular der das „sorbische Volkstum“ verteidigenden “Statistik” ist daher nicht dafür vorgesehen, Uneindeutigkeit oder Vielstimmigkeit zuzulassen. Und so prägt Muka einige für die sorbische Selbstsicht sehr nachhaltig wirksame Zuschreibungen.

Mukas “Statistik” bietet eine von Gegensatzpaaren und Dualismen geprägte Beschreibung der Welt, von denen „sorbisch“ und „deutsch“ im Zentrum stehen. Interessant ist dabei, welche Sphären diesen Antipoden zugeteilt sind. Die sorbische Wirklichkeit der “Statistik” entfaltet sich ganz überwiegend im Dorf. Es ist eine traditionelle, bäuerliche Welt der festgefügten Familien- und Geschlechtermodelle, geprägt von überlieferten Brauchhandlungen und Volkstracht, tief verwurzelt mit der ostelbischen Agrarkultur der Vormoderne, deren spätfeudale Wirtschafts- und Verwaltungsordnung trotz der Reformen des 19. Jahrhunderts unter der Oberfläche noch immer deutlich spürbar ist. Das jeden Lebensaspekt dominierende Ordnungssystem ist der in der evangelischen oder katholischen Kirche organisierte, christliche Glauben. Zwar sind „die Deutschen“ vielerorts auch Nachbarn (und in den „Mischfamilien“ auch Ehepartner) innerhalb dieser dörflichen Welt. Doch ist ihnen als Volk in Mukas Dichotomie der Lausitz eine andere Welt zugeteilt: die (Groß)Stadt, die Verwaltung und die Orte der Industrie. Vor allem in Bezug auf die Fabrik wird dies deutlich, die mehrfach im Text grundsätzlich als „deutsch“, „deutsche Anstalt“ usw. bezeichnet wird. Dabei soll hier nicht sein Befund der sprachlichen Dominanz des Deutschen in diesen Sphären angezweifelt werden. Problematisch erscheint vielmehr, dass Muka den gesamten Text hindurch eine prinzipielle Unvereinbarkeit „des Sorbischen“ mit diesen Orten der sich entfaltenden Moderne suggeriert. Dies wird besonders deutlich, sobald die Rede im Text auf „die Arbeiter“ kommt, wie in seinen Ausführungen zu Spremberg und den sich in seinen „deutschen Fabriken“ ihrer selbst entfremdenden sorbischen Arbeiter, oder in der Skepsis, mit der er das „kosmopolitische“ Weißwasser beschreibt. Dies schließt im Übrigen konsequent auch „Fremdarbeiter“ aus den slawischen Nachbarvölkern wie Tschechen und Polen mit ein, was einmal mehr deutlich macht, dass Panslawismus nicht die Basis des Buches bildet.

Muka, der selbst beinahe sein gesamtes Berufsleben in modernen, städtisch-großbürgerlichen Kontexten außerhalb der zweisprachigen Lausitz verbrachte, hat diese Ablehnung der heraufziehenden Moderne mit ihrer Auflösung traditioneller Welten auch in späteren Jahren betont. So schrieb er noch 1918 im Vorwort seiner „Bausteine zur Heimatkunde des Luckauer Kreises“ in deutscher Sprache, mit einem über das sorbische Feld weit hinaus reichenden Blick: „Der Zweck unseres Buches wie aller heimatkundlichen Bestrebungen der Gegenwart ist, die im letzten halben Jahrhundert leider bei vielen im Schwinden begriffene Liebe zur angestammten Scholle, Ehrfurcht vor dem schlichten, strohgedeckten Vaterhaus und Anhänglichkeit an die traute Geburtsstätte von neuem zu beleben und auf tiefere und festere Grundlagen zu stellen, damit der leidigen, immer mehr überhandnehmenden und für das große Vaterland so schädlichen Landflucht der Dorfbewohner und ihrem Drange nach der Großstadt zum gottvergessenen und vaterlandslosen Tanz um das goldene Kalb so viel wie möglich Einhalt geboten werde. Immer mehr bricht sich Gott sei Dank heutzutage auch in den breiteren Schichten unserer Intelligenz die Erkenntnis allmählich Bahn, daß den großen Schäden der unbeschränkten Freizügigkeit, dem Danaergeschenk für unsere ländliche Bevölkerung nur durch Weckung und Stärkung der Heimatliebe erfolgreich entgegengearbeitet werden kann, und daß in der echten, überzeugungstreuen Heimatliebe die wahre, opferwillige Vaterlandsliebe wurzelt, die sich in unseren Tagen so glänzend bewährt hat.“

Diese Perspektive ist für die deutsche volkskundliche Tradition seit ihrem Vordenker Wilhelm Heinrich Riehl bis in die 1960er Jahre bestimmend gewesen. Riehl hatte 1869 in seinem viel gelesenen Buch „Die Naturgeschichte des Volkes“ die deutsche Gesellschaft in die „Mächte des Beharrens“ und die „Mächte der Bewegung“ unterteilt. Bauern und Adel gehörten demnach in die erste, Bürgertum und („geistiges“ wie „materielles“) Proletariat in die zweite Kategorie. Und wie bei Muka in der “Statistik” ist auch schon bei Riehl die Auflösung und Vermischung der beiden Sphären, die ein Charakteristikum der industriellen Moderne darstellt, das zentrale Problem. In ihrem bürgerlich-konservativen Gesellschaftsmodell sind den sozial und kulturell klar abgegrenzten Gruppen feste Standorte im „Volksganzen“ zugeordnet, ein Wechsel ihrer Mitglieder in eine der anderen Gruppen ist immer problembehaftet und stellt, geschieht er in größerem Umfang, eine Gefahr für das ganze System dar. Die Sympathie der bürgerlichen Volkskundler galt dabei klar der ländlich-bäuerlichen Bevölkerung, vor allem den Teilen, die in ihrer Wahrnehmung besonders ursprünglich und damit „unverdorben“ geblieben waren, denn hier verortete man die „Wesenskerne“ dessen, was man als „Deutschtum“, „Sorbentum“ usw. bezeichnete. Hieraus erklärt sich auch Mukas besonders glühende Begeisterung für die Niedersorbische Bevölkerung im 1. Teil des Buches, der er in dessen Fazit unter anderem attestiert, dass sie, weitestgehend unberührt von höherer schulischer Bildung, ihr „Sorbentum“ aus sich selbst schöpft (womit er nicht zuletzt ein frühes, exponiertes Beispiel für den innersorbischen, exotisierenden Blick auf die Niedersorben darstellt).

Damit wird deutlich, dass Muka mit seiner “Statistik” nicht nur für die Anerkennung, den Erhalt und die selbstbewusste Weitergabe der sorbischen Sprache(n) eintritt. Er will zugleich die einzige Lebenswelt verteidigen, in der nach seiner Überzeugung diese Sprachen auch in Zukunft existieren können: das vormoderne, vom „Fremden“ so wenig wie möglich berührte, traditionelle Lausitzer Bauerndorf. Dies ist angesichts der umfassenden Wirkmächtigkeit der industriellen Umwälzung der Lausitz, die Muka in der “Statistik” immer wieder thematisiert und empirisch eindrucksvoll beschreibt, eine mehr als ambitionierte Aufgabenstellung an die sich gerade entwickelnde moderne Vorstellung von einer sorbischen Nation und ihre Protagonisten. Welche Nachwirkung er damit erzielte, wird in einem abschließenden dritten Text erläutert.

Literatur:

Muka, Arnošt: Statistika łužiskich Serbow. Budyšin 1884–1886.

Mucke, Ernst: Bausteine zur Heimatkunde des Luckauer Kreises. Luckau 1918.

Riehl, Wilhelm Heinrich: Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik. Stuttgart 1851–1869.